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„Die Schere zwischen Arm und Reich schließt sich“

Die soziale Schere öffne sich nur im Kopf, nicht aber in der Realität: „Die verfügbaren Einkommen steigen kräftig, Armut im Alter ist kein großes Problem, und die Vermögensungleichheit nimmt sogar ab“, schreibt die FAZ am 14. Dezember 2016.

Sattes Plus im Geldbeutel. Die verfügbaren Einkommen der Arbeitnehmer in Deutschland sind von 2012 bis 2015 um fast 11 Prozent gestiegen. 2016 und 2017 wird sich dieser Trend voraussichtlich fortsetzen. Einkommenszuwächse für Selbstständige blieben mit 9 Prozent dahinter etwas zurück.

Ungleichheit nimmt ab. Der Einkommenszuwachs höherer und niedrigerer Einkommen fiel in den letzten Jahren fast gleich hoch aus. Dagegen nahm die Vermögensungleichheit zwischen Arm und Reich in den letzten Jahren ab.

Immer mehr gute Arbeitsplätze. Deutschland hat so viele Erwerbstätige wie nie zuvor. Erfreulich: Weniger befristete Arbeitsverträge und weniger 450-Euro-Jobs. Auch die Zahl der Langzeitarbeitslosen sinkt – auf unter eine Million in diesem Jahr.

Beste Chancen für Jugend. Die Jugendarbeitslosigkeit ist seit 2012 um zwölf Prozent gesunken, auf unter 240 000 im Jahr 2015. EU-weit liegen wir mit an der Spitze.

Noch nie waren so viele Menschen in Deutschland erwerbstätig. Der Anteil gut bezahlter und sicherer Arbeitsplätze steigt. Die Arbeitslosigkeit sinkt. „Die Daten zeigen deutlich, dass von der noch immer sehr guten wirtschaftlichen Lage und dem äußerst robusten Arbeitsmarkt viele im Land profitieren.“ (FAZ, 14.12.2016)

Dennoch gibt es viel Wind von links, die gängigsten Argumente wurden von dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln einem Faktencheck unterzogen:

Sind die Einkommensunterschiede in Deutschland besonders groß?

Ein Vollzeitbeschäftigter an der Schwelle zum einkommensstärksten Zehntel verdient dem IW zufolge 3,4 Mal so viel wie ein Vollzeitbeschäftigter an der Schwelle zum ärmsten Zehntel. Damit liegt Deutschland im Mittelfeld der Industrieländer, auf einem Niveau mit Österreich. Werden jedoch andere Einkommensarten wie Kapitaleinkünfte oder Mieteinnahmen dazugerechnet, ist die Ungleichheit durchaus größer. Was der Vergleich aber nicht berücksichtigt, sind die gesetzlichen Renten.

Wie verändern die staatlichen Alterseinkünfte das Bild?

Werden lediglich die sogenannten Markteinkommen vor Steuern und Sozialabgaben und ohne Rentenzahlungen berücksichtigt, liegt Deutschland auf der Skala der Ungleichheit auf Platz 17 in der EU. Rechnet man indes die rund 20 Millionen Ruheständler hinzu, die kaum Markteinkommen haben, ist die Ungleichheit in Deutschland unterdurchschnittlich. Einschließlich der gesetzlichen Renten liegt Deutschland dann auf Platz 13. Im Vergleich zu den übrigen EU-Ländern ist die Ungleichheit damit unter dem Schnitt.

Nimmt die Ungleichheit in Deutschland denn nicht immer weiter zu?

Seit 2007 sind die tariflichen Stundenlöhne laut den IW-Angaben preisbereinigt um acht Prozent gestiegen, die Bruttostundenlöhne real um knapp zwölf Prozent. Nach einer Auswertung der Forscher profitierten davon vor allem Geringverdiener. Während die Bruttoerwerbseinkommen der unteren zehn Prozent der Vollzeitbeschäftigten zwischen 2009 und 2013 um 6,6 Prozent wuchsen, legten die Einkommen der reichsten zehn Prozent im selben Zeitraum um 2,8 Prozent zu. Damit liegt der Lohnabstand beider Gruppen heute wieder auf dem Stand von 2006.

Da ist ja nur die Rede von Vollzeitbeschäftigten. Was ist mit den prekär Beschäftigten?

Der Anteil der sogenannten atypischen Beschäftigungsverhältnisse geht dem IW zufolge bereits seit 2006 zurück. Gleichzeitig hat der Anteil der Normalarbeitsverhältnisse von 40,3 Prozent im Jahr 2005 auf 46,5 Prozent im Jahr 2015 zugenommen – und liegt damit wieder auf dem Niveau von 1990. Der Anteil der befristet Beschäftigten (ohne Auszubildende) hat sich seit 2005 zudem konstant bei rund zehn Prozent gehalten, seit 2012 ist er rückläufig.

Werden die Reichen nicht immer reicher, weil sie Immobilien, Aktien und Unternehmen besitzen?

Nach Angaben der Bundesbank besaßen die vermögensreichsten zehn Prozent der Haushalte vor zwei Jahren 59,8 Prozent des gesamten Nettovermögens. Das ist viel, im Vergleich zu 2010 sind es jedoch nur 0,6 Prozentpunkte mehr. Mit dem Zusammenhang zwischen Kapitaleinkommen und sozialer Ungleichheit beschäftigte sich zuletzt auch der bekannte französische Ökonom Thomas Piketty – seine Methodik und Datenauswahl stießen teilweise aber auch auf Kritik

Warum schlagen Sozialverbände dennoch Alarm?

2014 waren in Deutschland rund 12,5 Millionen Menschen oder 15,4 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet. Diese Grenze ist erreicht, wenn jemand weniger als 60 Prozent des mittleren Haushalteinkommens zur Verfügung hat. Bei einem Paar mit einem Kind unter sechs Jahren wären das 1651 Euro, bei einer Alleinerziehenden 1192 Euro. Der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider, mahnte angesichts der Ergebnisse einen sozial- und steuerpolitischen Kurswechsel an: „Man ist in diesem reichen Deutschland nicht erst dann arm, wenn man unter Brücken schlafen oder Pfandflaschen sammeln muss.“